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Wirtschaftswoche Nr. 50 v. 05.12.2002
GUT AUF DRAHT
Zweimal schon war Daphne Rauch arbeitslos - innerhalb von zwei Jahren. Allerdings nie lange. Ende 1999 arbeitete die heute 36-Jährige als Pressesprecherin eines jungen Biotech-Unternehmens. Das geriet in wirtschaftliche Schieflage, musste Stellen streichen - auch die von Rauch. Damals rief sie ein paar Freunde an, darunter ihren ehemaligen Kölner Kommilitonen Felix Frohn-Bernau. Der gründete just die Onlinemeinungsbörse Dooyoo, suchte eine Pressesprecherin. Das Bewerbungsgespräch fand noch am Abend ihrer Entlassung statt, um 23 Uhr. Eine Woche später saß Rauch an ihrem neuen Schreibtisch.
Allerdings nicht lange. Als Dooyoo wie viele New-Economy-Buden ins Trudeln geriet, baute Frohn-Bernau Personal ab. Rauch war als einer der jüngsten Neuzugänge dabei. Diesmal schrieb sie ein Mail an alle Kontakte in ihrer Outlook-Datenbank. Inhalt: "Ab sofort bin ich nicht mehr bei Dooyoo... werde mich neu orientieren... bin aber unter folgender Mail erreichbar..." Noch am selben Tag bekam sie eine Antwort vom Deutschland-Geschäftsführer des Internetauktionshauses Ebay, Jörg Rheinboldt. "Hallo Daphne, kannst du dir vorstellen, bei uns zu arbeiten?" Sie konnte. Zwei Wochen später war sie PR-Spezialistin bei Ebay.
Glück gehabt? Vielleicht. Vitamin B genutzt? Auch, sicher. Eine Ausnahme? Mitnichten! Zwar beherrschen Entlassungswellen und Personalabbau die Schlagzeilen. Doch der Eindruck, es werde nur entlassen und nicht eingestellt, täuscht. Es gibt noch immer gute Jobs für Spezialisten und Führungskräfte. Nur stehen die in keiner Tageszeitung, in keinem Onlinestellenmarkt. Die interessanten Jobs finden qualifizierte Arbeitslose derzeit fast ausschließlich auf dem so genannten verdeckten Stellenmarkt -über persönliche Beziehungen. "Fast alle Leute, die ich kenne, haben ihren neuen Job dank ihres Netzwerks gefunden", sagt Dooyoo-Gründer Frohn-Bernau. Auch Marcus Hülshoff, Exgeschäftsführer des Münchner Versicherungsbrokers Ixsure, sah Mitte des Jahres in seiner bisherigen Position "kein Potenzial" mehr. Er streckte im Bekanntenkreis die Fühler aus. Über die Freundin eines Klienten bekam er Kontakt zu Siemens Management Consulting (SMC). Die Bekannte arbeitete dort in der Recruitingabteilung und "suchte damals erfahrene Seniorconsultants", erinnert sich Hülshoff. Ein Telefonat, ein persönliches Gespräch — das war's. Am 31. Mai schied er aus der Geschäftsführung aus, am 3. Juni trat er seinen neuen Job bei SMC an.
Oder Arnd Schwierholz. Seit Februar arbeitet der ehemalige Investmentbanker und Geschäftsführer des inzwischen vom Netz gegangenen Onlinemarktforschers Yoolia als Vice-President bei der Lufthansa Commercial Holding in Frankfurt. Seinen neuen ob fand er über die Empfehlung eines ehemaligen Kollegen: "Wir kannten uns aus unserer gemeinsamen Zeit bei UBS Warburg in London. Er brachte mich ins Gespräch", sagt Schwierholz. Der Exkollege ist ein Freund seines heutigen Chefs. Egal, wen man fragt, jeder weiß: genauso läuft's. Den Düsseldorfer Personalberater Herbert Mühlenhoff überrascht das nicht. "Der Arbeitsmarkt ist im Augenblick deutlich stärker durch Netzwerke gesteuert als in den vergangenen Jahren." Mühlenhoff ist Spezialist für Outplacement, also das rasche Weitervermitteln frisch Entlassener. Nach seiner Beobachtung nutzen sogar die Personalchefs zunehmend das Informationskarussell. "Gute Leute, die einen sicheren Job haben, sind im Augenblick nicht wechselwillig. An die kommt man nur über persönliche Beziehungen", so Mühlenhoff.
Sascha Emondts kann das bestätigen. Er ist Geschäftsführer von Brainbits in Köln, einem Unternehmen, das sich auf Multimedia spezialisiert hat. Auch er zapfte persönliche Drähte an, um eine vakante Stelle für einen Grafiker zu besetzen. Eine Freundin kannte einen Schulkameraden, von dem sie wusste, dass er schon seit einiger Zeit auf lobsuche war. "Offiziell habe ich die Stelle nie ausgeschrieben", sagt Emondts.
Dass das berühmte Vitamin B gerade in diesen Zeiten hilft, bestätigen denn auch mehrere Studien. So zeigt eine aktuelle Umfrage des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung unter 2407 Personen, dass rund 30 Prozent aller erfolgreichen Jobvermittlungen über persönliche Netzwerke laufen. Die Personalberatung Heidrick & Struggles kam in einer Umfrage unter rund 500 Führungskräften zum selben Ergebnis. Die Befragten stuften die Jobsuche per Netzwerk sogar als effektiver ein als die Stellensuche via Zeitung, Internet oder Outplacementberatung. Vor allem moderne Kommunikationsformen wie SMS, Internet und E-Mails werden dabei genutzt. In Kreisen der ehemaligen New Economy sowieso. In anderen Branchen zunehmend auch. Meist geht das sofort nach der Kündigung los: "Viele Abschiedsmails sind heute so verfasst, dass man die Empfänger bereits über seine Fähigkeiten informiert", sagt Frohn-Bernau. Das Ziel ist dann, nicht nur Transparenz herzustellen, wo gerade welche Stelle besetzt werden soll, sondern immer auch, eine persönliche Empfehlung von seinen Bekannten zu bekommen. Motto: Den kenne ich, der ist gut, den sollten wir nehmen.
Im Mutterland des Netzwerkens, den USA, organisieren ehemalige Kollegen die kollektive Selbsthilfe bereits professionell. "Collamer's Connections" etwa verbindet 40 IT-Spezialisten, die bis vor kurzem noch in Spitzenpositionen verweilten, bevor sie arbeitslos wurden. Nun helfen sich die 40 gegenseitig in neue Jobs: "Wann immer einer von uns von einer offenen Stelle hört, wird das per E-Mail an alle weitergeleitet", erklärt Joel Collamer, der das Netzwerk im August vergangenen Jahres gegründet hat.
Solche Zusammenschlüsse haben Konjunktur: Bei der Washington Network Group (WNG) sind es die Arbeitgeber selbst, die Stellenanzeigen bekannt geben. Gründer Bill Stokes leitet die Offerten per E-Mail an die WNG-Mitglieder weiter. Zwar muss Stokes jeden zweiten Bewerber für die Aufnahme in den digitalen Verteiler ablehnen - die Mitgliederzahl hat sich dennoch binnen Jahresfrist auf 3500 verdoppelt.
Dasselbe gilt für die Mitgliederzahl von "IT Net". Der heute 60-jährige Initiator Steve Riley, der bei der Gründung 1994 selbst arbeitslos war und jetzt die Beratungsfirma Synergystics leitet, schart im Großraum New York mehr als 150 hochrangige IT-Experten ohne Job um sich. "Jedes Mitglied muss der Gruppe alle 14 Tage per Rundmail von mindestens zwei Unternehmen berichten, die gerade eine Stelle besetzen", erklärt Riley sein Konzept.
Die Gründer von WeWantWork.com wiederum haben sich als geschlossene Gesellschaft organisiert. Im Sommer noch suchten sie via Internet Mitstreiter und filterten aus hunderten Bewerbern 43 Kandidaten heraus. Alle kommen aus New York und Umgebung, die Mehrheit hat einen MBA-Titel. Und für alle soll ein neuer Arbeitsplatz gefunden werden. Dazu tauschen die Mitglieder nicht nur in Rundmails Tipps aus, sie kreierten auch eine Internetseite, auf die sie ihre Lebensläufe gestellt haben. Und sie gehen gemeinsam in Manhattan auf die Straße: mit Anzug und Schildern um den Hals, Titel: "For Hire".
Der Grad zwischen aktivem Engagement und Penetranz ist allerdings schmal. Besonders hier zu Lande. Wer seine E-Mails etwa mit vollständigen Bewerbungsunterlagen oder Zeugnissen spickt, "bringt sich und den Empfänger in eine unkomfortable Situation." Stattdessen sollten Bewerber im lockeren Mailkontakt ihre Stärken kurz erwähnen. Das Ziel: Der potenzielle Arbeitgeber bittet den Bewerber von sich aus um die Unterlagen. Das hat mehr Stil.
Quelle: Wirtschaftswoche Nr. 50 v. 05.12.2002
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